Veröffentlicht in Tagebuch

Digitales Regiebuch: Vor- und Nachteile – Meine Erfahrungen nach einer Spielzeit

Digitales Regiebuch – Teil 1/3

Vor knapp 1 Jahr habe ich einen Post über mein digitales Regiebuch veröffentlicht. Seit Frühling 2020 führe ich meine Regiebücher nämlich digital auf meinem Tablet, was eine ganze Reihe an Vorteilen mit sich bringt. Da ich von KollegInnen E-Mails zu meinem Post bekommen und mein System während des Jahres natürlich angepasst habe, berichte ich mal über meine Erfahrungen und die Besonderheiten, Tipps zum Handling und ein Fazit. Spoiler: Freiwillig würde ich nie wieder analog arbeiten!

In diesem Beitrag gehe ich auf die Anforderungen eines Regiebuchs im Musiktheater sowie die Vor- und Nachteile der digitalen Lösung ein. Zum Schluss teile ich mein Fazit anhand meiner persönlichen Erfahrungen nach einer Spielzeit.

Falls du mehr rund ums digitale Regiebuch wissen möchtest: Hier findest du alles, was du bei der Hardware- und Software-Auswahl beachten solltest, und nach welchen Kriterien ich mein Gerät & Programm ausgewählt habe.
Und hier erläutere ich, wie ich mein Regiebuch vor Beginn einer Produktion anlege.

Anforderungen eines Regiebuchs am Musiktheater

Die Funktion im Opernbetrieb

Analoges Regiebuch

Im Regiebuch dokumentiert die Regieassistenz die Inszenierung (Positionen und Motivationen aller Darsteller, alle technischen Vorgänge, Beleuchtungsstimmungen, Toneinspielungen usw.) – einerseits, um den Regisseur im Probenprozess zu unterstützen (wer stand letztes Mal wann wo, hat der Darsteller das Requisit mitgenommen oder nicht? usw.), und andererseits, um später die Vorstellungen und Wiederaufnahmen betreuen zu können: Nach der Premiere reist der Regisseur ab und die Inszenierung geht in die Hände des Hauses über, bzw. alle Regiearbeiten werden nun vom Assistenten übernommen. Wenn z.B. ein Darsteller krank wird und ein Gast für eine Vorstellung eingearbeitet werden muss, übernimmt das die Regieassistenz. Wenn das Stück eine oder mehrere Spielzeiten später wieder ins Repertoire aufgenommen wird, leitet der zuständige Assistent (muss nicht dieselbe Person sein, die die Premiere betreut hat!) die Wiederaufnahme-Proben.

Markierungen analog

Da einige Inszenierungen teilweise viele Jahre, manchmal sogar Jahrzehnte lang gespielt werden, wechseln natürlich die Assistenten, Darsteller usw. Es kann also passieren, dass irgendwann niemand mehr an der Wiederaufnahme beteiligt ist, der bei der Premiere dabei war. Deswegen ist es so wichtig, dass im Regiebuch alles perfekt dokumentiert ist, sodass die Inszenierung immer noch dieselbe Qualität hat wie bei der Premiere. Und die Aufzeichnungen müssen natürlich für jeden Regieassistenten der Welt klar verständlich sein.

Anforderungen

„Technisch“ gesehen ist ein Regiebuch normalerweise ein gedruckter und gebundener Klavierauszug (= nur Gesangsstimme und eine Klavierstimme, die das Orchester darstellt), der einseitig mit den Noten bedruckt ist und die andere Seite daneben ist frei, sodass man genug Platz für Notizen hat. Viele Assistenten kopieren sich einen Grundriss der Bühne hinein, um Wege usw. genauer einzeichnen zu können.

Ein Regiebuch muss also folgende Anforderungen erfüllen:

  • man muss sehr viel aufschreiben => genug Platz für Notizen neben den Noten
  • im Probenprozess wird sehr viel geändert => Geschriebenes muss möglichst schnell und unaufwendig angepasst werden können (analog muss man wegradieren und neu schreiben => unordentlich, zeitaufwendig, oft erst nach Probe zeitlich möglich)
  • es gibt extrem wichtige (z.B. Auftritte, Umbauten) und weniger wichtige Notizen (z.B. Motivationen), die man unterschiedlich schnell wieder finden muss => Hervorhebungen durch Farben, Schriftdicke und -Größe sind extrem hilfreich (analog kaum möglich da es änderbar sein muss)
  • man muss eigentlich jede Notiz möglichst schnell wieder finden (Auftritte, Abtritte, technische Vorgänge, Umbauten, schnelle Umzüge, Beleuchtungsstimmungen, Ton-/Video-Einspieler lassen sich analog z.B. über Klebezettel handeln. Schwieriger wird es bei wandernden Requisiten und szenischen Vorgängen – deren Wichtigkeit ist schwer bis größtenteils gar nicht voraus zu sehen)
  • es gibt komplizierte Aufstellungen, z.B. vom Chor, zu dessen Dokumentation Fotos sehr nützlich sind => man muss Medien einbinden (und möglichst einfach ändern) können (analog muss man nach der Probe ausdrucken, einkleben, bei Änderung neu machen oder umkleben => zeitaufwendig und umständlich)
  • das Regiebuch ist heilig => es muss sicher sein, darf nicht verloren gehen/zerstört werden von z.B. Überschwemmung, Theaterbrand
  • es wird manchmal von mehreren Personen gleichzeitig benötigt (z.B. mehrere Assistenten, Regisseur, Inspizient etc.)
  • als Assistent ist man meist sehr viel am Rennen und hat das Buch immer dabei => es muss gut handelbar sein, nicht zu groß, nicht zu schwer!, aber trotzdem alles sehr gut lesbar
  • auf den Seitenbühnen ist es bei Hauptproben und Vorstellungen dunkel => dann benötigt man eine mobile Lichtquelle, die aber auch nicht zu hell ist, dass es stört, und trotz Flexibilität nicht beim Handling, Umblättern usw. behindert

Digitales Regiebuch – Pro & Kontra

Vorteile

Im Gegensatz zu einem analogen Regiebuch ist ein digitales:
(Beispiel-Screenshots sind verlinkt)

Beispiel-Suche – direkt zur Stelle springen
  • Durchsuchbar: man kann alle Mitschriften durchsuchen (z.B. Requisiten, „Lichtzeichen“, „Umbau“, szenische Aktionen, …)
  • Fotos und Audios können direkt eingefügt werden (z.B. Choraufstellungen, Requisiteneinrichtung, Beleuchtung, …)
  • Flexibel & ordentlich: Notizen, Bilder etc. kann man ganz einfach verschieben -> Notizen werden ordentlicher, Mitschreiben geht schneller, keine Nacharbeit nötig um „Regiebuch schön zu machen“ und alte Sachen auszuradieren
  • Übersichtlicher: es ist einfacher mit Farben, Hervorhebungen, Pinseldicken, Markierungen zu arbeiten für bessere Übersichtlichkeit
  • Sicher: alles ist doppelt gesichert durch automatische Backups in der Cloud -> alles sicher archiviert, Regiebuch kann nie verloren gehen / durch Wasser/Feuer zerstört werden usw.
  • Alles archiviert: man kann auf alte Versionen / Fassungen zurückgreifen, z.B. falls etwas überprüft oder zurück geändert werden sollte
  • Weiterverwendung: natürlich kann man das Dokument auch problemlos im PDF-Format verschicken / ausdrucken (z.B. für eine Wiederaufnahme auch mehrmals, in dem gewünschten Print-Format, z.B. A4/A5/A3 …)
  • Zusammenarbeiten: man kann es Kollegen freigeben und gleichzeitig bearbeiten (habe das z.B. mit einer Regisseurin genutzt: Sie musste alles alleine leuchten, weil ich zeitgleich einen Krankheitsersatz in die Inszenierung einarbeiten musste. Habe ihr dann einfach das Regiebuch freigegeben, sodass wir es beide gleichzeitig benutzen konnten. Oder falls es mehrere Assistenten gibt, könnte man es sogar gleichzeitig anpassen)
  • Gut handelbar: alles was ein analoges Buch kann, kann es auch, sogar besser, da man endlos viele Tabs setzen kann (zu Szenen springen, Lesezeichen setzen, zu nächstem Auftritt/Abtritt springen, Einrufe für Technik und andere Gewerke markieren, usw.)
  • Hintergrundbeleuchtung: es leuchtet im Dunklen, z.B. auf der Seitenbühne während Vorstellung. Natürlich ist die Helligkeit regulierbar
  • Gesünder & praktischer: es ist VIEL leichter als analoges Buch + Ordner => keine Rückenschmerzen, leichter zu handeln z.B. wenn man einen Darsteller markiert
  • Zoom: dadurch, dass man auf jeder Seite hineinzoomen kann, kann man sich alle Details auf Fotos anschauen, und sich beim Mitlesen auf Proben besser auf den aktuell relevanten Teil der Notizen konzentrieren
    • Bessere Lesbarkeit: Meine Handschrift ist viel besser lesbar als in analogen Regiebüchern, weil ich beim Schreiben immer ein bisschen „reinzoome“, sodass ich größer schreiben kann und die Schrift dadurch ordentlicher wird
Beispiel-Seite Regiebuch

Dadurch, dass das digitale Regiebuch ein PDF ist, das man ausdrucken und binden lassen kann, macht es keinen Unterschied, ob das Buch digital oder analog erstellt wurde. Nur, dass es eben die genannten Vorteile hat. Aber natürlich gibt es auch ein paar Dinge zu beachten:

Nachteile

  • Akku: Tablet muss aufgeladen sein -> immer Ladekabel / Powercase dabei haben für den Fall der Fälle. (Wenn ich 2 Proben an einem Tag habe und das Gerät sonst nicht wirklich benutze, komme ich über den Tag. Falls ich zwischendurch eine Besprechung habe, oder an Plänen sitze, etc., muss ich es zwischendurch aufladen)
  • Preis: wenn es wegkommt, wird es teuer (Inhalte sind aber in Cloud gespeichert, also nicht verloren). -> Ich habe mein Gerät privat bezahlt, wenn allerdings ein Theater die Geräte stellen (und dann natürlich auch in eine Sturzversicherung investieren) würde, wäre das Problem behoben.
  • W-LAN: Für Synchronisation in iCloud ist eine ständige W-LAN-Verbindung erforderlich (aber nicht für die Bearbeitung der Inhalte an sich, nur für Live-Synchro / Backup), was ja aber heutzutage bei den meisten Häusern Standard ist. Alternativ kann man natürlich auch nach der Probe den neuen Stand synchronisieren.
  • Höhere Bildschirmzeit: Natürlich guckt man auf einen Bildschirm und nicht auf Papier. Es gibt dafür allerdings auch spezielle Folien, z.B. „Paperlike“, die ich aber bisher nicht getestet habe (soll einen Effekt wie bei einem Kindl erzeugen, also als würde man mit Papier arbeiten). Mir macht es bisher nichts aus, da man ja auf der Probe meistens eh vor allem auf die Szene schaut und ins Buch nur schmult
  • Krankheitsfall: Falls man krank wird, muss der Ersatz (sofern er/sie nicht selbst ein Tablet besitzt) sich den aktuellen Stand ausdrucken. Ist aber kein Problem, weil es wie gesagt ein ganz normales PDF ist.
Alles kann archiviert werden

Fazit

Alles in allem würde ich niemals mehr freiwillig ein analoges Regiebuch erstellen. Ja, klar, ich muss immer darauf achten, dass mein iPad genug Akku hat. Aber bisher (toi toi toi) saß ich noch auf keiner Probe auf der mein iPad ausgegangen wäre. Es ist auch noch nicht abgestürzt, es gab in der kompletten vergangenen Spielzeit 2020/21 kein einziges technisches Problem.

Und die Vorteile sind einfach so immens. Ich spare unfassbar viel Zeit und Kraft – jeden Tag. Jede Probe. Je aufwendiger eine Inszenierung, je häufiger der Regisseur ändert, je mehr es zu schreiben gibt – desto mehr profitiert man von einem digitalen Regiebuch. Denn es ist viel flexibler, übersichtlicher, leichter, sicherer, schneller. Wie viele Situationen ich schon hatte, die mit einem analogen Regiebuch so nicht oder nicht so schnell umsetzbar gewesen wären!

Wenn sich etwas nur vom Timing ändert, muss ich keinen Buchstaben neu schreiben – sondern nehme einfach mein Lasso und ziehe die Textblöcke, Zeichnungen, Bilder usw. dorthin, wo sie hingehören. Oder copy-paste sie auf die nächste Seite.
Jede Chorprobe bin ich dankbar, dass ich einfach ein Foto von der Aufstellung machen und einfügen kann und das war‘s. Ich muss nicht danach ins Büro und das ausdrucken und einkleben und beim nächsten Mal wieder rausreißen und umkleben. Das geht hier in Sekunden.
Oder wenn in der Inszenierung z.B. Rituale vorkommen, die jedes Mal aber leicht verändert sind. Der Regisseur fragt „Wie war das noch mal bei der letzten Stelle?“ Beim analogen Buch muss man es sich jetzt entweder alles super markiert haben oder auf Anhieb selber die richtige Stelle finden. Beim digitalen Buch gebe ich einfach „Ritual“ ein und kann die Frage nach 2 Sekunden beantworten, ohne Stress.

Und es kann nicht abbrennen, geklaut werden, verloren gehen. Inszenierungen können noch in Jahrzehnten wieder rekonstruiert werden, wenn das Papier schon längst vergilbt wäre. Wiederaufnahme-Proben gleichzeitig in mehreren Städten – kein Problem. Und selbst wenn das Opernhaus schon in sich zusammenfällt – das Regiebuch bleibt.

Ich kann ein digitales Regiebuch wirklich von ganzem Herzen empfehlen.

Weitere Infos

Hier findest du alles, was du bei der Hardware- und Software-Auswahl beachten solltest, und nach welchen Kriterien ich mein Gerät & Programm ausgewählt habe.
Und hier erläutere ich, wie ich mein Regiebuch vor Beginn einer Produktion anlege.

Berichte gerne in den Kommentaren von deinen Erfahrungen mit digitalen und analogen Mitschriften! 🙂

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